Die Bauernkooperative: Ein Erfahrungsbericht aus dem Nebelwald

Ich möchte gern einen Beitrag über eine alternative Form der Zusammenarbeit im landwirtschaftlichen Bereich schreiben. Meiner Meinung nach kann die Bauernkooperative, die ich in Mexiko kennen lernen durfte, auch im deutschen Kontext ein interessantes Modell sein, dass die Umsätze eines Unternehmens, aber auch seine Risiken gerechter verteilt. Um darüber zu lernen bin ich in den mexikanischen Bundesstaat Veracruz gefahren, in das Projekt Las Cañadas.

Es regnet viel, sogar jetzt im ‚Hochsommer‘. Der Nebelwald ist ein empfindliches Ökosystem, das sich in tropischen Gebieten in den Höhenlagen ansiedelt, wo sich der Nebel jeden Tag in den Baumkronen verfängt. „Chipi-chipi“ ist das erste neue Wort, das ich hier im schönen Huatusco im mexikanischen Bundesstaat Veracruz an der Karibikküste lernen darf. Es kann in etwa mit unserem deutschen Wort „Nieselregen“ übersetzt werden. Und so habe ich viele schöne Blicke von hier, immer ein bisschen Nebel inklusive. Das Zentrum für nachhaltige Landwirtschaft, dass ich hier besuche, nennt sich Las Cañadas und ist eine der bekanntesten Bauernkooperativen, die in Mexiko ökologischen Landbau pflegen. Eigentlich bin ich hier, um mehr über Lehmbauweise und auch über Konstruktionen mit Bambus zu lernen. Was ich nicht weiß, ist, dass ich bei der Gelegenheit neben Lehm, Sand und Schluff auch noch einen radikal anderen Arbeitsansatz und ein ungewöhnliches wirtschaftliches Modell kennenlernen werde. Aber fangen wir vom Anfang an.

 

Wie gesagt ist der tropische Nebelwald ein sensibles Ökosystem, das vielen sehr ungewöhnlichen und schönen Tieren ein Zuhause bietet, leider aber vor allem durch Abholzung zwecks landwirtschaftlicher Nutzung sehr bedroht ist. Dieses Ökosystem hat nicht nur die verrücktesten Orchideen, die man sich vorstellen kann, sowie seltene Waldbewohner wie Tapire und den berühmten zentralamerikanischen Quetzal-Vogel parat, sondern ist auch der Lebensraum der uralten Baumfarne, die an die Zeit der Saurier erinnern. Weil es hier viel regnet, eignet sich das Land aber auch für viele Arten von Anbau und ist vielerorts beliebt als Kuhweide.

 

So auch hier. Wo früher einer jener tropischen Wälder war, die so voller Pflanzen, Tiere und anderer Lebewesen sind, dass sie schier unergründlich scheinen, sind heute also oft flache Graslandschaften. Das ist problematisch, nicht nur wegen des Verlusts an Lebensraum, sondern auch wegen der Kühe selbst, die an den oft steilen Hängen durch Erosion große Schäden hervorrufen können. Das merkte auch Ricardo, der vor über 20 Jahren den Betrieb in Las Cañadas von seinem Vater übernahm. Als junger Agronom freute er sich über die Gelegenheit, sein theoretisches Wissen von der Uni anwenden zu können und hatte den Kopf voller Ideen. Schnell musste Ricardo allerdings feststellen, dass die Art von Viehwirtschaft, die bisher in Las Cañadas betrieben worden war, ihm nicht zusagte und weder für das Land noch für seine tierischen Bewohner noch für die Menschen, die darauf arbeiteten, gut war. Ricardo entschloss sich also zu einem radikalen Neuanfang. Er verkaufte die 200 Kühe und forstete große Teile seines Landes, vor allem die empfindlichen Steilhänge mit einheimischen Baumarten auf.

 

Eine Weile arbeitete er weiter mit Kühen, die er jetzt in ökologischer Landwirtschaft für die Milchproduktion hielt, um hochpreisige Biokäse herzustellen. Das Geschäft lief gut, aber der soziale Aspekt fühlte sich für Ricardo nicht stimmig an. Konnte es eine nachhaltig befriedigende Lösung sein, auf seinem Land Biomilchprodukte zu produzieren, wenn die Menschen, die er beschäftigte und die diese herstellten, weiterhin mit Pestiziden verseuchte Lebensmittel konsumierten? Wollte er wirklich hier in der Provinz Produkte für die umwelt- und gesundheitsbewusste Elite in der Hauptstadt produzieren? Diese Fragen musste er ganz ehrlich verneinen und so begab Ricardo sich erneut auf die Suche nach einer besseren Art der Bewirtschaftung. Vor ca. 5 Jahren gründete er gemeinsam mit 20 seiner ehemaligen Angestellten eine Kooperative. Die Idee dahinter ist, dass in den verschiedenen Bereichen des Betriebes unterschiedliche Gewinne erzielt werden, die dann fair und zu gleichen Teilen unter allen Mitgliedern der Kooperative verteilt werden. Gleichzeitig haben alle ein Mitspracherecht bei wichtigen Entscheidungen. Momentan ist das System so, dass einige Bereiche einen Überschuss an Einkommen erzielen, beispielsweise mit ökologischem Saatgut, einer Tischlerei oder Kursen. Die Kooperative kann sich dadurch andere Bereiche leisten, die wenig oder kein Einkommen produzieren wie eine kleine Schule für die Kinder der Mitglieder oder einen Gemüsegarten und eine Käserei, deren Erzeugnisse auf die Mitglieder verteilt und mit nach Hause genommen werden.

 

Insgesamt hat mich im Projekt Las Cañadas im Nebelwald von Veracruz, Mexiko, nicht nur die Natur sehr beeindruckt. Auch die Suche eines Menschen, der versucht, mit dem zugegebenermaßen großen Stück Land (42 Hektar), die ihm anvertraut wurden, aber auch mit den Menschen, die dort gemeinsam mit ihm arbeiten, einen harmonischen Umgang zu finden und ein nachhaltiges Management hat mich fasziniert und zum Nachdenken angeregt. Was, wenn wir viel mehr gemeinsam Verantwortung übernehmen würden, wenn alle, die ihre Energie in einen Ort, ein Projekt oder ein Produkt stecken, auch in Entscheidungsfindungsprozesse in seinem Zusammenhang einbezogen werden? Könnten wir so nicht vielleicht Lösungen finden, die vielen Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen mit unterschiedlichen Werten und Hintergründen gerecht werden? Wahrscheinlich werde ich das, was ich von hier über Lehmbau mitgenommen habe, noch viele Jahre weiter ausbauen und verfeinern und auch über Kooperativen und gerechte Entscheidungen und Arbeitsteilung noch viel lernen. Las Cañadas ist jedenfalls für mich ein Beispiel, das Alternativen aufzeigt. 

https://bosquedeniebla.com.mx

0
Feed

Einen Kommentar hinterlassen